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ELISABETH FIEDLER - Mladen Miljanovic - Die Vereinnahmung der Welt  

 

Der 1981 in Zenica, Bosnien-Herzegowina geborene Mladen Miljanović gehört derjenigen Generation an, die als Kinder und Jugendliche den Balkankrieg miterlebt, von dessen Gräuel und Erlebnissen stark geprägt wird und sich in der Nachkriegszeit in einem zerstörten, verarmten, ethnisch sowie territorial geteilten und nach außen hin isolierten Land zurechtfinden muss. Basierend auf diesen Erfahrungen und in Reflexion darauf ist auch die Kunst Miljanovićs zu lesen.

 

   Nach seinem Schulabschluss muss er seinen Dienst an der Militärakademie absolvieren und dient sechs Monate als Reserveoffizier, um danach selbst 30 Soldaten auszubilden und im Rang eines Offiziers im Jahr 2002 die Akademie zu verlassen. Unmittelbar darauf beginnt er sein Studium an der Kunstakademie Banja Luka, die in eine der Baracken eben dieses Militärakademieareals gezogen war. Während dieser Zeit setzt er sich malerisch mit den die Kriegszeit dominierenden Symbolen und Motiven auseinander, reagiert aber auch auf die Geschehen am Militärareal, hält camouflageartige Paraden ab oder positioniert in Reaktion auf die Vorkommnisse Installationen im Innen- und Außenraum. Stets sind ihm Geschichte, Bedeutung und inhaltliche Besetzung von Räumen, Orten und Städten wichtig, die er erkundet, untersucht und künstlerisch reflektiert. Auch der sozial-therapeutische Kunstansatz, der ihn vor allem zur Lektüre von Joseph Beuys führt, spielt in seiner Arbeit eine wichtige Rolle. Unter diesem Aspekt leitet er im Jahr 2006 einen Workshop unter dem Titel Balkana, zu dem er 12 Kriegsinvalide aller drei ethnischen Bevölkerungsgruppen, die meisten haben keine Erfahrung im Kunstbereich, einlädt, vier Tage lang gemeinsam künstlerische Arbeiten zu realisieren. Dabei entstehen aus dieser von Miljanović gebildeten Künstlerkolonie in unmittelbarer Auseinandersetzung mit dem Nachkriegstrauma 20 Skulpturen und Bilder als sichtbare Zeichen einer neuen positiven Dynamisierung menschlicher und damit gesellschaftlicher und politischer Verständigung, die öffentlich präsentiert werden.

 

   Vom 20. Oktober 2006 bis zum 14. Juli 2007 zieht er sich in völliger Isolation auf das mittlerweile geschlossene Militärakademiegelände zurück, um das totalitäre Regime, dessen traumatische Folgeerscheinungen und seine dort erfahrenen Erlebnisse in installative und performative Arbeiten zu transformieren. Diese Arbeit verstand er als konstruktive Zerstörung der durch Gewalt geprägten Identität des Ortes.

Von Schüssen perforierte Helme füllte er mit Erde, legte sie in geordneten Reihen auf und bepflanzte sie mit Blumensamen, er selbst setzte sich in Performances, immer in Rückenansicht, weil isoliert und anonymisiert, die man auf der web-Seite www.iserveart.net unter dem Titel 274 Wege, die Welt zu sehen täglich als big brother mitverfolgen konnte, bewusst der Beobachtung aller aus.

 

   In einer anderen Arbeit suchte er ein 1878 entstandenes Denkmal für im Kampf mit Türken gefallene Österreicher in Banja Luka auf, das sich auf einem mittlerweile privaten Grundstück befindet. Der Eigentümer wollte hier ein Gebäude errichten und das verwahrloste Denkmal schleifen. Miljanović restaurierte es in der Performance cleaning the monument, lud die Presse ein und erreichte dadurch, dass das Denkmal erhalten blieb. In der Arbeit Artattack verwendete er originale Strategiepläne von Bosnien-Herzegowina, auf denen terroristische Organisationsstrukturen und -wege in den Westen aufgezeichnet sind, um sie in feindliche Übergriffe auf internationale Museen und Kunsthallen umzuformulieren, die er für eigene Ausstellungen annektieren könnte.

 

   Während seines Artist-in-Residence-Aufenthaltes in Graz erkundet er die Stadt, sucht nach für ihn relevanten Gebäuden und klebt auf diese guerillaartig Flugblätter, auf denen identitätslos schablonisierte, bewaffnete und in Bereitschaft stehende Soldaten formiert erscheinen.

    Sein Atelier in der Neuen Galerie legt er flächendeckend und den gesamten Raum ausfüllend dieselben Schablonen auf Wände, Decke und Boden und besetzt auf diese Weise einen Teil der Institution Museum. Auch an der Außenfassade der Neuen Galerie bringt er ein Transparent mit demselben Sujet an. Zentral erscheint in auf Containern und Transportkisten verwendeter Schrift der Satz ONLY PURPOSE OF THESE SOLDIERS IS OCCUPATION OF THIS STUDIO.

Ganz bewusst verwendet er hier den aus dem Lateinischen kommenden und in englischer, französischer oder deutscher Sprache nahezu ident geschriebenen Ausdruck occupare, der übersetzt ein breites Bedeutungsspektrum  von besetzen, beschäftigen, einnehmen, ergreifen, anziehen, überwinden, bezwingen, besitzen, heimsuchen, besessen sein, innehaben, in Besitz nehmen, zuvorkommen, beseitigen, unternehmen, attackieren, verschlingen bis zu übernehmen abdeckt und in seiner aggressiven Bedeutung ursprünglich in der militärischen Terminologie Verwendung fand.

 

   Ähnlich wie in der Arbeit Artattack leitet er hier auf bildlicher und sprachlicher Ebene eine Metamorphose ein, die die kriegerische Ambition des feindlichen Übergriffs in eine künstlerische Strategie des Besetzens von wichtigen Institutionen als Stützpunkte innerhalb eines Eroberungsfeldzuges mit dem Ziel der internationalen Präsenz und damit Erreichen eines wirtschaftlich erfolgreichen Kunststars überführt. Parallel zur Offenlegung und gleichzeitigen Unterhöhlung des Marktmechanismus wird mit diesem anarchistischen Ansatz die weltweit zunehmende militärische Omnipräsenz reflektiert und physisch erahnbar gemacht.

Ironie schwingt in der strategielosen, sich nicht auf Schwerpunkte fokusierenden Aufstellung der Soldaten, die in ihrer Kleinheit wie Spielzeug, in ihrer Flächigkeit wie völlig ineffiziente Pappkameraden wirken. Gleichzeitig kippt deren Bedeutung aber, sobald man sich in diese Höhle von gleichgeschalteten, identitätslosen Schläfern begibt.

 

   In einer weiteren Bedeutungsebene wird die Sinnwidrigkeit des aggressiven Aktes mit der einzigen Absicht, einen Raum zu besetzen, evident, die Manifestation eines Ziels, das in seiner Umsetzung auf sich selbst zurückgeworfen wird, als lächerlich.

Zusätzlich wird in der Vortäuschung der Okkupation des Ateliers bzw. des Museums, in das Miljanović ja eingeladen wurde, jede Form der Camouflage als obsolet dargestellt, Systeme feindlicher Infiltration mit selbst evozierten Gefahren konfrontiert.

 

Elisabeth Fiedler

Graz 2007

 

 

  Mladen Miljanovic e- iserveart@gmail.com